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Funino: Die neuen Spielformen im Kinderfußball erklärt
Sieben gegen sieben auf einem viel zu großen Feld. Zwei Topspieler, die alles dribbeln. Fünf Kinder, die hinterherrennen. So sah Kinderfußball über Jahrzehnte aus. Seit 2024 ist damit Schluss.
Wenn du als Trainer im Verein gerade auf die neuen Spielformen umstellen musst, kennst du das Gefühl. Der Spielleiter sagt: „Ab sofort spielen wir Funino." Und du fragst dich: Was bedeutet das eigentlich? Wie groß sind die Felder? Wie viele Spieler? Wo ist der Torwart? Brauchst du jetzt völlig neue Trainingsübungen?
Dieser Artikel beantwortet alle wichtigen Fragen zu Funino — ohne Fachchinesisch, ohne Verbandssprache, sondern als Praxisleitfaden für Trainer, die am Dienstagabend wissen müssen, wie es geht. Du erfährst, was Funino ist, woher es kommt, warum es eingeführt wurde, wie die konkreten Regeln aussehen und wie du sofort startest.
Funino ist eine Spielform mit kleinen Teams (2v2 oder 3v3) auf vier Minitoren. Sie ist seit der Saison 2024/2025 in den Altersklassen U6 bis U11 verbindlicher Bestandteil des deutschen Kinderfußballs. Die Grundidee: jedes Kind soll mehr Ballkontakte, mehr Entscheidungssituationen und mehr Spielzeit bekommen.
Was ist Funino überhaupt?
Funino ist eine kleine Spielform im Kinderfußball, bei der zwei oder drei Kinder pro Team auf einem kleinen Feld spielen. Statt zwei großer Tore stehen vier Minitore, jeweils zwei auf jeder Grundlinie. Es gibt keinen festen Torwart. Die Felder sind überschaubar (zwischen 16 mal 20 und 28 mal 22 Meter), die Spielzeiten kurz, die Aktionen dicht.
Der Name setzt sich aus zwei Wörtern zusammen: dem englischen „fun" für Spaß und dem spanischen „niño" für Kind. Funino bedeutet wörtlich „Spaß-Kind" oder freier übersetzt „kindgerechter Spaß". Der Name ist Programm.
Im Kern unterscheidet sich Funino vom klassischen Kinderfußball in vier Punkten:
- Weniger Spieler pro Team — statt sieben gegen sieben spielen zwei oder drei gegen zwei oder drei
- Mehr Tore — statt eines Tors pro Seite stehen zwei Minitore, also vier insgesamt
- Kleineres Feld — statt eines halben Großfelds reicht eine Fläche von der Größe einer Garage mal zwei
- Kein Torwart — die Tore sind klein genug, dass kein Torhüter nötig ist
Diese vier Anpassungen wirken auf den ersten Blick wie kleine Schrauben. In der Praxis verändern sie alles. Jedes Kind bekommt deutlich mehr Ballkontakte. Es gibt keine festen Positionen. Niemand kann sich verstecken. Und die Tore sind so verteilt, dass die Kinder in jeder Situation entscheiden müssen, welches Tor sie angreifen — das schult das taktische Denken von der ersten Spielminute an.
Woher Funino kommt: Die Geschichte einer guten Idee
Funino wurde nicht in Deutschland erfunden. Es kommt aus Spanien — entwickelt von einem deutschen Hockey-Trainer. Diese kuriose Geschichte erklärt einiges über den Erfolg der Methode.
In den 1980er Jahren arbeitete Horst Wein als Nationaltrainer der spanischen Hockey-Nationalmannschaft in Barcelona. Er beobachtete, wie spanische Kinder Fußball trainierten: in kleinen Gruppen, auf engen Plätzen, mit vielen Toren. Wein erkannte das Prinzip dahinter und entwickelte daraus ein systematisches Spielkonzept für den Jugendfußball, dem er den Namen Funino gab.
Wein veröffentlichte mehrere Bücher, hielt Vorträge in ganz Europa und trainierte Generationen spanischer Nachwuchstrainer. Vereine wie der FC Barcelona integrierten Funino in ihre Talentförderung. Die spanische Nationalmannschaft, die zwischen 2008 und 2012 alles gewann, war direkt von dieser Schule geprägt.
In Deutschland blieb Funino über Jahrzehnte ein Randthema. Einzelne Vereine wie die TSG Hoffenheim oder der FC St. Pauli experimentierten damit. Bis zur Weltmeisterschaft 2018. Das frühe Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft erzeugte einen öffentlichen Druck, der über die übliche Ergebniskritik hinausging. Plötzlich diskutierten alle über die Nachwuchsausbildung. In dieser Stimmung wurde Funino erstmals in der Verbandsdebatte ernst genommen.
Am 11. März 2022 beschloss der DFB-Bundesjugendtag in der Sportschule Wedau einstimmig die verbindliche Einführung. Seit der Saison 2024/2025 ist Funino in den Altersklassen U6 bis U11 in Deutschland Pflicht.
Warum Funino den Kinderfußball revolutioniert
Hinter der Reform steht keine Bauchentscheidung, sondern wissenschaftliche Forschung. Die wichtigste Datengrundlage lieferte Prof. Dr. Dr. Matthias Lochmann von der Universität Erlangen-Nürnberg, einer der renommiertesten Sportwissenschaftler Deutschlands. Sein Team analysierte ab 2015 hunderte Kinderfußballspiele und verglich das klassische 7-gegen-7 mit dem 3-gegen-3 nach Funino-Regeln.
Die Ergebnisse pro Kind und pro Spielzeit:
Diese Werte sind nicht in einem Einzelversuch entstanden. Sie wurden über verschiedene Altersklassen, an unterschiedlichen Standorten und mit wechselnden Teams reproduziert. Die Richtung der Ergebnisse ist konsistent.
Was bedeutet das praktisch? Ein durchschnittliches Kind hatte im alten Siebenerspiel pro Halbzeit drei bis vier Ballkontakte. Im Funino sind es zwischen achtzehn und vierundzwanzig. Das ist nicht ein bisschen besser — es ist eine andere Kategorie.
Der entscheidende Hebel liegt aber tiefer. Es geht nicht nur um die Quantität der Ballaktionen. Es geht um die Verdichtung der Entscheidungen. Auf einem kleinen Feld mit sechs Spielern und vier Toren gibt es keine toten Zonen. Jede Aktion erzwingt eine Entscheidung: Welches Tor ist offen? Wo ist Raum? Passen oder dribbeln? Diese permanente Entscheidungsdichte trainiert genau das, was Sportwissenschaftler als divergentes Denken bezeichnen — die Fähigkeit, mehrere Handlungsoptionen gleichzeitig zu erfassen und die beste auszuwählen.
Lochmann selbst formuliert das in einem Satz: „Die Reform nützt allen Kindern. Auch den stärksten." Das ist die Antwort auf die häufigste Sorge bei der Einführung von Funino — dass es die Talente bremse. Genau das Gegenteil ist der Fall. Auch die stärksten Spieler haben in den kleinen Formaten mehr Aktionen als im Siebenerspiel. Funino bremst niemanden. Es beschleunigt alle.
Funino in der Praxis: So spielen die Kinder
Genug Theorie. Wie sieht ein Funino-Spiel konkret aus? Wir gehen die wichtigsten Regeln durch, von der Feldgröße bis zum Spielende.
Das Feld
Ein Funino-Feld ist ein Rechteck, dessen Größe vom gespielten Format und der Altersklasse abhängt. Die DFB-Empfehlungen sehen folgende Mindestmaße vor:
Diese Maße sind Richtwerte, keine zentimetergenauen Vorgaben. Ein Feld, das zwei Meter breiter oder schmaler ist, funktioniert genauso gut. Entscheidend ist das Verhältnis: Das Feld muss klein genug sein, dass jedes Kind permanent im Spielgeschehen ist. Und groß genug, dass Dribblings und kurze Pässe Sinn ergeben.
Die Tore
An jeder Grundlinie stehen zwei Minitore mit etwa 1,20 Meter Breite und 0,80 Meter Höhe. Die Tore werden so positioniert, dass sie etwa ein Drittel der Feldbreite einnehmen — die beiden Tore stehen also weder direkt nebeneinander noch in den Ecken, sondern jeweils ein Stück vom Rand entfernt. Ein Funino-Spielfeld hat damit insgesamt vier Tore.
Wenn keine Minitore vorhanden sind, lassen sie sich problemlos durch Hütchen oder Stangen markieren. Zwei Hütchen pro Tor im Abstand von 1,20 Metern reichen völlig.
Die Spieler
In der Grundform spielen drei gegen drei. Es gibt keine festen Positionen, keinen Stammkapitän, keinen Stammtorhüter. Alle Kinder sind gleichberechtigte Feldspieler. Die Entscheidung, ob ein Kind angreift oder verteidigt, trifft das Kind selbst — abhängig von der Spielsituation. Diese ständige Rollenfindung ist Teil des Trainings.
Der Torwart
In der Funino-Grundform gibt es keinen Torwart. Die Tore sind klein genug, dass kein Torhüter nötig ist. Diese Entscheidung hat einen pädagogischen Hintergrund: In der G-Jugend wird der Torwart häufig zur Strafversetzung für das unsicherste Kind. Mit dem Wegfall dieser Position spielen alle Kinder permanent als Feldspieler — mit Ball, in Bewegung, im Spiel.
Ab der F-Jugend kann optional mit Torwart gespielt werden, etwa im Format 3 plus 1 gegen 3 plus 1. Der Torhüter rotiert dabei verbindlich — kein Kind wird für die ganze Saison ins Tor gestellt.
Die Schusszone
In vielen Landesverbänden gilt eine Schusszonen-Regel: Tore dürfen nur aus einer definierten Zone, meist sechs Meter vor dem Tor, oder erst ab der Mittellinie erzielt werden. Dahinter steckt ein klares Erziehungsziel — die Kinder sollen nicht mit Distanzschuss aus der eigenen Hälfte arbeiten, sondern dribbeln, kombinieren, in den freien Raum laufen, bis sie nah genug am Tor sind. Genau das fördert die Fähigkeiten, die in diesem Alter zählen.
Spielzeit und Spielbetrieb
Eine einzelne Funino-Partie dauert zwischen sieben und zwölf Minuten, je nach Veranstaltung und Altersklasse. An einem Spielnachmittag treffen sich mehrere Mannschaften zu einem sogenannten Festival — dem neuen DFB-Format, das den klassischen Liga-Spielbetrieb ersetzt. Jedes Team spielt an einem Festival-Nachmittag bis zu sieben kurze Partien.
Wichtig: Es gibt keine Saisontabelle, keine Meisterschaft, keinen Auf- oder Abstieg über eine ganze Saison. Stattdessen findet Wettbewerb in jedem einzelnen Festival-Durchgang statt. Wer eine Partie gewinnt, steigt im nächsten Durchgang ein Feld auf und trifft dort auf einen stärkeren Gegner. Wer verliert, rutscht ab und findet einen Gegner auf Augenhöhe.
Wie sich Training für Funino verändert
Die Reform betrifft nicht nur den Spielbetrieb. Sie verändert auch, wie du als Trainer dein Training planst. Die wichtigste Faustregel: Dein Training am Dienstag muss zum Spielformat am Samstag passen.
Wenn deine Mannschaft am Wochenende 3 gegen 3 auf vier Minitore spielt, macht es keinen Sinn, im Training 7 gegen 7 zu spielen oder lange Linien-Aufstellungen zu üben. Die alten Warmlauf-Runden, die isolierten Passformen von Hütchen A zu Hütchen B, sie werden nicht völlig überflüssig, aber sie rücken in den Hintergrund. Im Vordergrund stehen kleine Spielformen — im Training und im Wettbewerb.
Die goldene 50-von-60-Regel
Eine zeitgemäße Trainingseinheit für die G- und F-Jugend dauert 60 Minuten. Davon sollen mindestens 50 Minuten aktive Spielzeit mit Ball sein. Das heißt: 50 Minuten, in denen jedes Kind permanent einen Ball in der Nähe hat. Die restlichen zehn Minuten verteilen sich auf Begrüßung, Trinkpause und Abschluss.
Wenn ein Kind länger als drei Minuten ohne Ballkontakt ist, stimmt etwas mit dem Trainingsaufbau nicht. Lange Wartezeiten in einer Reihe, isolierte Technikübungen mit nur einem Ball für zwölf Kinder, lange Trainer-Erklärungen — all das gehört nicht in ein modernes Funino-Training.
Welche Übungen passen?
Funino-Training basiert auf kleinen Spielformen. Jede Spielform hat einen klaren Schwerpunkt — mal Dribbling, mal Passspiel, mal Umschaltverhalten, mal Torabschluss — wird aber immer als Spiel gespielt, nicht als Drill. Ein typisches Trainingsprogramm enthält:
- Ein Aufwärmspiel mit Ball: alle Kinder gleichzeitig in Bewegung, ohne Wartezeiten
- Eine Hauptspielform mit didaktischem Schwerpunkt (z.B. Dribbling oder Überzahl)
- Ein freies Funino-Abschlussspiel, in dem das Geübte ohne Anweisung angewendet wird
Häufige Fragen zu Funino
Was du aus diesem Artikel mitnimmst
Funino ist keine sportwissenschaftliche Spielerei und keine Trendnachfolge. Es ist die überfällige Antwort auf strukturelle Probleme, die der deutsche Kinderfußball jahrzehntelang kannte und nicht löste. Zwei Topspieler, die alles dribbeln. Fünf Kinder, die hinterherrennen. Diese Realität gehört der Vergangenheit an.
Wenn du jetzt als Trainer in den ersten Wochen mit Funino startest, denk an drei Dinge: Erstens, das Format funktioniert. Vertrau ihm. Zweitens, deine Rolle verändert sich — weniger Anweisen, mehr Beobachten, mehr Vertrauen in die Selbstständigkeit der Kinder. Drittens, die Eltern brauchen Aufklärung. Plane den Elternabend vor Saisonstart ein.
Die Kinder werden Funino lieben, vom ersten Tag an. Sie haben den Ball am Fuß, sie treffen Tore, sie entscheiden selbst. Was für dich vielleicht ungewohnt ist, ist für sie natürlich. Sie spielen einfach. Genau das ist der Punkt.
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Im Trainer-Tresor findest du eine wachsende Übungs-Datenbank mit detailliertem Aufbau, Variationen und Coaching-Tipps. Jede einzelne passt zum Funino-Format und ist sofort einsetzbar. Mein Buch „Kinderfußball — Training mit Herz" liefert die wissenschaftlichen Grundlagen und 50 Praxisübungen auf 280 Seiten.
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